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Rauchen, Corona und das Vorsorgeprinzip

Rauchen, Corona und das Vorsorgeprinzip

Es ist unbestritten, dass das Rauchen alle möglichen Krankheitsrisiken erhöht und es besser wäre, darauf zu verzichten. So wundert es auch nicht, wenn man von offiziellen Gesundheitsexperten immer wieder liest und hört:

“Rauchen erhöht das Risiko für einen schweren Verlauf von COVID-19”

Was jedoch irritiert, ist die Formulierung. Sonst heißt es doch immer klar und deutlich: “Rauchen erhöht das Risiko, an xxxx zu erkranken.” Warum wird bei COVID-19 speziell das “Risiko eines schweren Verlaufs” bemüht? Was ist mit dem Risiko eines leichten Verlaufs? Oder überhaupt das Risiko, an COVID-19 zu erkranken? Nachlässigkeit in der Wortwahl ist das wohl kaum, da entsprechende Formulierungen auch in anderen Sprachen verwendet werden. Es muss also einen Grund für diese ungewöhnliche Wortwahl geben.

Statistische Scharaden

Schauen wir uns zum Beispiel eine der ersten statistischen Auswertungen von einem Hospital in Wuhan 1 an, die auch in einem reißerischen Artikel der ERS zitiert wird 2 . Aus den Daten kann man errechnen, dass unter den erkrankten Rauchern 60 % einen schwereren Verlauf hatten im Vergleich zu 11 % unter Nichtraucher. Klingt dramatisch, aber was sagt uns das über das Risiko überhaupt an COVID-19 zu erkranken? Nichts!

Unter allen Erkrankten waren 6,4 % Raucher und 93,6 % Nichtraucher. Und das bei einem durchschnittlichen Raucheranteil von ungefähr 30 % in der Bevölkerung. Würde Rauchen das Risiko für eine Erkrankung an COVID-19 erhöhen oder dabei keine Rolle spielen, dann würde man mindestens 30 % Raucher auch unter den Erkrankten erwarten. Doch genau das Gegenteil ist der Fall.

Klingt komisch, ist aber so!

Dr. Farsalinos war einer der ersten, der über dieses widersinnig erscheinende Paradoxon schrieb 3 4 5 . Eine plausible Hypothese, die dieses Phänomen erklären könnte: Nikotin blockiert ACE2-Rezeptoren, die der Coronavirus benötigt, um in Zellen einzudringen. Darüber hinaus scheint es effektiv den Zytokinen Sturm zu verhindern, der oft durch den Virus ausgelöst wird und für die meisten schweren Schäden verantwortlich ist 6 . In Frankreich findet gerade eine klinische Doppelblindstudie (RCT) zur Überprüfung der Nikotinhypothese statt 7.

Kritik

Dieses Paradoxon wird gerne mit “Under-Reporting” abgebügelt. Die Kritiker behaupten also, dass für sie die plausibelste Erklärung des Phänomens Schlampigkeit der Krankenhäuser bei der Erfassung der Patientendaten ist. Das mag in Ausnahmefällen sicher mal vorkommen, aber wie glaubhaft ist das bei den inzwischen weit über 1000 Statistiken aus aller Welt, die alle mehr oder weniger ähnliche Verteilungen zeigen? 8.

Andere stellen die Behauptung auf, dass regelmäßiger Gebrauch von Nikotin die Anzahl der ACE2-Rezeptoren erhöht. Das gilt als weitgehend gesichert. Dann schlussfolgern sie einfach, dass damit das Corona-Virus leichteren Zugang zu den Zellen hätte und sich das Infektionsrisiko erhöhen würde. Diese Hypothese mag zwar plausibel klingen, widerspricht aber den klinischen Daten 9. Da liegt eher die Hypothese nahe, dass ein abrupter Verzicht auf Nikotinkonsum das Infektionsrisiko mit COVID-19 deutlich erhöhen  und einen schwereren Verlauf noch begünstigen könnte.

Vorsorgeprinzip

Das Vorsorgeprinzip wird auch immer gerne als Totschlag-Argument verwendet, um Verbote von Produkten wie E-Zigaretten oder Snus zu fordern oder rechtfertigen, solange keine totale Unschädlichkeit in “Langzeitstudien” nachgewiesen wurde. Wenn das mehr als eine leere Worthülse sein soll, dann muss man Rauchern vom Nikotinverzicht eher abraten.

Besser wäre ein Umstieg auf das Dampfen (E-Zigarette) oder Snus (Nikotinbeutel) bzw. pharmazeutische Nikotinersatzprodukte (Kaugummis, Pflaster, etc.). Allerdings ist wissenschaftlich noch nicht ganz geklärt, ob Nikotin wirklich die Hauptursache für das Paradoxon ist oder andere Bestandteile im Zigarettenrauch einen unerwarteten Einfluss haben 10.

Raucher in Krankenhäusern sollten auch unbedingt weiterhin die gewohnte Nikotindosis bekommen. Plötzlicher Entzug könnte eine Ursache dafür sein, wenn Raucher einen schwereren Verlauf bei COVID-19 haben.

Quellen

  1. https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC7147279/
  2. https://www.ersnet.org/covid-19-blog/covid-19--propelled-by-smoking--could-destroy-entire-nations
  3. http://www.ecigarette-research.org/research/index.php/whats-new/2020/278-corona
  4. https://www.qeios.com/read/Z69O8A.13
  5. https://www.medrxiv.org/content/10.1101/2020.06.01.20118877v2
  6. https://www.qeios.com/read/FXGQSB.2
  7. https://clinicaltrials.gov/ct2/show/NCT04608201
  8. https://twitter.com/phil_w888/status/1347034034300338177
  9. https://link.springer.com/article/10.1007/s11739-020-02457-2
  10. https://clinicaltrials.gov/ct2/show/NCT04608201

Ein Gedanke zu „Rauchen, Corona und das Vorsorgeprinzip

  1. Die sogenannten “Coronatoten” sterben im Schnitt mit 84 Jahren und das überwiegend in Altenheimen. Eine Diskussion über den Einfluss von Nikotin auf die Altergruppe 0-70 Jahre kann man sich daher sparen. In der Altersgruppe 75+ rauchen noch ca. 5% regelmäßig oder gelegentlich (Statistisches Bundesamt). 95% rauchen nicht.
    Bisher sind in Deutschland 0,04% der Bevölkerung an oder mit Corona gestorben (80% vermutlich “mit”). Davon 5% ergibt 0.002%. Das liegt im statistischen Grundrauschen.
    Fazit: Viel Lärm um nichts.

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