Das Märchen von Tinchen und dem Krieg gegen das Kräutlein dunkelbraun

Es war einmal ein Mädchen, das lebte in einem Städtchen unweit von Neckar und Rhein. Da es ein wahrlich kluges Mädchen war verschrieb es sich den Studien der Historik und der Schönrednerei. Ihr Herr Professor jedoch war ein gar gestrenger und weiser Mann, also sprach er: „Tinchen, mein Kind, mit Geplapper und Geschichten wirst du deines Lebens nicht froh, lerne wissen, lerne heilen, und du wirst ein Lebtag dein Auskommen haben“. Die junge Maid, klug, aber sprunghaft, besann sich alsbald und beschloss, Barbiererei und Heilkunde zu studieren, was lange acht Jahre währte. Kaum den Strapazen des Studiums entronnen beschloss sie, sich als Feldscher bei den Schlachtfeldern von Heidelberg zu verdingen, im Kampf um das Leben von Dicken und Säufern und jenen, die qualmen, aber oh weh, dies Tun war arg betrüblich, viel spritzendes Blut, viele Tote und allenthalben ein Jammern und Wehklagen ohne Aussicht auf Heilung und Genesung.

Für unser Mädchen nun waren die Opfer des Kräutleins Dunkelbraun die beklagenswertesten. Diese armen Menschlein soffen Rauch, und wurden darob fürchterlich sterbenskrank. Das wiederum dauerte das kluge Tinchen, und sie sann auf Abhilfe, aber niemand hatte ein Einsehen und wollte helfen, bis der mächtige Wahnfried Hieronymus Obamufti, seines Zeichens ein großer Heilkundiger mit viel Gold und Verbindungen zu großen Königen, sprach: „Tinchen, höre wohl, wir sind Geschwister im Geiste, am Rauchsaufen sterben die Leute, das kann nicht sein, aber ich kann und will dir helfen!“

Der große Weise hortete eine Vielzahl geheimer Bücher und Forschungen, und alsbald war der Pakt beschlossen, Tinchen also in Lohn und Brot, und das nicht zu knapp, und sie studierte fortan die Werke ihres wohlgesonnenen Gönners.

Dieser nun wusste wohl, an was die Menschen reihenweise dahingerafft wurden, beim Rauchsaufen nämlich entfaltete sich ein böser Geist im Körper, Nikotin genannt, der macht das Herz und die Brust gar eng und die Menschen hatten davon ein graues Gesicht. Zuerst wußte man wohl, dass der Brandrauch, an dem sich die Rauchsaufer labten, recht mörderisch sei. Aber ein gelber Mann aus fernen Landen ersann ein Gerät, mit dem man Rauch saufen konnte, ohne dass man etwas zum Brande bringen musste. Die Rauchsäufer frohlockten, endlich mussten sie nicht mehr am Brandrauch sterben, und siehe, das böse Nikotin machte die Brust nicht mehr eng, es machte sie lächeln und sie plauderten bis tief in die Nacht – manch ein Heilkundiger berichtete auch, dass die Alten davon nicht vor der Zeit unnötig dumm werden und manch einer wurde klüger als zuvor und konnte bis tief in die Nacht schöne Geschichten erzählen.
Allein, Tinchen und der mächtige W.H.Obamufti wurden böse, standen sie doch plötzlich dumm da, jahrelang hatten sie Herolde ausgeschickt und in Stadt und Land anschlagen lassen, dass Rauchsaufen verderblich sei – und nun? Das Volk benutzte die neue Erfindung des gelben Mannes, es erfreute sich guter Gesundheit und rottete sich zusammen im Gespräch, man fühle sich gut, man wisse was man tue und dergleichen Aufmüpfigkeiten mehr. Nun war guter Rat teuer. Tinchen in ihrer großen Not aber wusste, was zu tun war.
Sie, und nur sie, wusste um die geheimen Studien des großen W.H.Obamufti, also ist es nur begreiflich, dass sie auch um die Verderbtheit der Erfindung des gelben Mannes wusste. Da saß sie nun, in ihrem Laboratorium, goldgüldene Gerätschaften und funkelndes Glas, ein warmes Feuer und Bedienstete um sie herum, die ihr jeden Wunsch von den Lippen ablasen. Also besann sie sich auf die Macht ihrer Herolde, diese zogen alsbald aus und verkündeten die Botschaft, dass es möglicherweise sein könnte, dass man nicht genau wisse, ach gar kühn wurden die Behauptungen, ja, man habe keinerlei Ahnung, ob nicht auch noch die jungen Menschen an der Erfindung des gelben Mannes kläglich dahingerafft würden, wenn das Rauchsaufen ohne Brand wohl Schule macht.

Vielleicht könnte man ja, wenn W.H.Obamufti denn seinen Segen geben wolle, dem Volk helfen, aber nur, wenn sie aus ganz kleinen Schachteln Rauch söffen, und davon nicht soviel und schon gar nicht vom bösen Nikotin, was ja die Brust so eng macht. Ihr guter alter Freund Charles – Heinz, der Ritter vom Orden der Spaten und Rodehacken, stand ihr bei, er wusste zu berichten, dass die Rauchsäufer zum Priapismus und Veitstanz neigen und recht bald verdummen, so sie denn nicht vom Rauchsaufen ablassen.
Gemeinsam mit anderen Rittern derer von Regulus ersann er ein Komplott, welches die Scharen derer, die die Gerätschaften des gelben Mannes nutzten, ausdünnen möge. Allerlei Gelichter machte sich anheischig, das Rauchsaufen ohne Brand schlecht zu reden. Selbst Tina, einstmals klug und belesen, wurde bitter. Hatte sie doch jahrelang mit dem Verkauf teurer Quacksalbereien gegen das Rauchsaufen ein gutes Auskommen, so wollte niemand mehr ihren Krempel kaufen, und niemand hörte ihr mehr zu, wenn sie wetterte und Lügen erzählte.
Der gelbe Mann und seine Freunde nun waren kluge Menschen. Sie errichteten große Laboratorien, erforschten und untersuchten und tatsächlich, eines Tages war es genug erforscht, man wusste sicher: Rauchsaufen ohne Brand ist gar nicht gefährlich.

Der große Obamufti selbst schwieg inzwischen stille dazu. Er hatte alle Hände voll damit zu tun, den Fleischfressern das Rösten ihrer Speise madig zu machen und dafür zu sorgen, dass die Menschen keinen Kuchen mehr essen und lieber durch die Felder und Wälder rennen sollten, zu welchem Nutzen auch immer. So sind die Mächtigen eben, es fällt ihnen etwas ein und das Volk soll folgen.

Nun, und unser Tinchen?. Sie wurde alt, bitter und verknöchert und musste am Hofe von W.H.Obamufti als Hofschranze ihr Dasein fristen. Ihr goldgüldenes Laboratorium war dahin, und sie musste in der Edelschlangengrube des mächtigen Gönners bis zum Ende ihrer Tage ausmisten.
Ach, wie schöööön können Märchen sein!


5 Kommentare und 2 Trackbacks/Pingbacks

  1. 1. Philgood

    Kommentar vom 28. November 2014 um 22:02

    Haha, grossartig! Glückwunsch an Schreiberling und Vorleserling, Ihr seid mir zwei schöne Geschichten-Onkels! 🙂
    Und wenn sie nicht verknöchert ist, dann wettert sie noch heute……

  2. 2. Weihnachtsmärchen der IG-ED - Dampfergarage

    Pingback vom 29. November 2014 um 01:09

    […] weihnachtet und schon kommen die Märchen aus allen Ecken. Ein Weihnachtsmärchen der besonderen Art liefert dieses Jahr die IG-ED. Lehnt euch zurück und lauscht den […]

  3. 3. Andreas der Dampfer

    Kommentar vom 29. November 2014 um 01:52

    Einfach riesig, Einfach Genial.
    An alle die an diesem Werk mitgewirkt haben:HERZLICHEN GLÜCKWUNSCH

    Und wenn Tinchen noch nicht an Ihr Dampferhass verstorben ist, dann wird sie sicherlich noch weiter demenzieren.

  4. 4. P. Neudampfer

    Kommentar vom 29. November 2014 um 11:52

    Was ein schönes Märchen,

    aber manchmal werden Märchen wahr.….

  5. 5. max91111

    Kommentar vom 29. November 2014 um 12:48

    Und wer nicht weiß um was es geht,schüttelt nur mit dem Kopf und Klickt weg.
    Insider-„Märchen“… evtl. Hilfe NEIN !

  6. 6. Megan

    Kommentar vom 1. Dezember 2014 um 01:03

    „Rauchsaufen“ hiess früher übrigens auch „Sauferei eines Nebels“
    Und früher war ein „Dampfer“ ein „Raucher“.
    Da ging es nur um die sichtbare Handlung eines mündigen Bürgers (Stichwort: Handlungsfreiheit GG).
    „Nebelsaufen“ hätten sie uns nicht wegnehmen können…wie auch, solange es noch „Tabaksaufen“ gibt.
    Man musste uns dazu bekommen zu sagen, wir haben „aufgehört“, um so ein Nebelsaufen regulieren zu können. Hat funktioniert.

  7. […] […]

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